Page 5 - Rudolf Giesselmann - Ziel-Ort Hamburg
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Rudolf Giesselmann wählt für seine Folge           eine Landkarte ihres Lebensweges, einen
                           von  Fotografien  von  Russlanddeutschen           Bild gewordenen Lebenslauf, gegenüber.
                           das klassische Format des Portraitbild-            Dieser Kunstgriff führt dazu, dass die so
                           nisses. Auf je der Fotografie ist eine Person      distanziert dargestellten Menschen für
                           abgebildet. Die Menschen werden alle in            den Betrachter lebendig werden. Auf den
                           dreiviertel Ansicht frontal vor weißem, neu-       Landkarten werden die Lebensstationen
                           tralem  Hintergrund  gezeigt.  Die  Gesich-        mit Nennung von Jahreszahlen nachvoll-
                           ter sind zumeist ernst. Die Körperhaltung          zogen, so dass das einzelne Schicksal
                           wiederholt sich: Die Arme hängen ohne              der Portraitierten deutlich wird. In kurzen
                           Spannung hinab. Emotionen sind nicht zu            Sätzen werden zudem private Details aus
                           erkennen.                                          den verschiedenen Lebensabschnitten
                           Diese Form der Darstellung lehnt sich an           geschildert. Diese Textteile bebildern die
                           zahlreiche kunst- und fotohistorische Vor-         Gesamtgeschichte der 69 bis 91 Jahre
                           bilder an. Der neutrale, distanzierte Blick        alten Portraitierten. Die Nennung der Na-
                           der Dargestellten und die objektive Abbil-         men verstärkt den Eindruck der Authenti-
                           dungstechnik wecken z.B. Assoziationen             zität.
                           an    polizeiliche    Fahndungsfotografien         Giesselmann gelingt es durch die Verbind-
                           lassen aber auch an  die großformatigen            ung von vermeintlich objektiven Foto-
                           Portraitfotografien  von  Thomas  Ruff  den-       grafien  und  privaten  Erzählungen  sowie
                           ken. Wie dieser nutzt Rudolf Giesselmann           verbildlichten Lebensläufen zu zeigen,
                           bewusst die objektive Aura des Medi-               wie unterschiedlich und zugleich ähnlich
                           ums  Fotografie:  Die  Bilder  scheinen  die       das Schicksal der Russlanddeutschen ist.
                           gezeigten Menschen so wiederzugeben,               Ohne Wertung zeigt er Menschen, deren
                           wie sie sind, wie sie sich für die Aufnah-         Einstellungen zu Begriffen wie Heimat,
                           men präsentierten.                                 Vertreibung und Migration grundlegend
                           Nicht zu erkennen sind die Gestaltungsmit-         verschieden sind und die doch im Ziel-Ort
                           tel der digitalen Fotografien, die Giessel-        Hamburg eine starke Gemeinsamkeit ha-
                           mann anwendet, um die Erscheinung der              ben.
                           Personen zu vereinheitlichen und die Bil-
                           dung der Reihe zu stärken.                         Wiebke von Hinden, Hamburg, 2010
                           Seinen Bildern stellt Giesselmann auf einer
                           Doppelseite Zitate der Dargestellten und
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