Page 2 - Rudolf Giesselmann - Landerziehungsheim Walkemühle
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Das Landerziehungsheim                            Leonard Nelson starb - nur 45jährig - am 29.11.1927 und
            Walkemühle    bei Melsungen                       wurde seinem Wunsche entsprechend bei der Walke-
                                                              mühle bestattet. Die Nationalsozialisten zerstörten das
            (1921-1933)                                       Grab später und setzten es auf den jüdischen Friedhof in
                                                              Melsungen um. Dort befindet es sich - ebenso wie das
                                                              seines Vaters und das Erich Graupes - noch heute.
            Unter den frühen Landerziehungsheimen in Deutschland
            war die Walkemühle einzigartig.
                                                              Die Erwachsenenabteilung der Walkemühle wurde 1931
                                                              aufgelöst, Lehrerinnen und Lehrer gingen nach Berlin. Sie
            Zwar wurden unter der Leitung von Minna Specht und   versuchten, den drohenden Nationalsozialismus abzu-
            dem maßgeblichen Einfluss von Leonard Nelson auf der   wenden, und arbeiteten in der vom ISK ( Internationaler
            Walkemühle einige Grundzüge der Landschulheime von   Sozialistischer Kampfbund ) gegründeten Tageszeitung
            Hermann Lietz übernommen:                         „Der Funke" mit. Hier erschien im Sommer 1932 ein „Drin-
                                                              gender Appell" des ISK, mit dem Ziel, über ein Wahlbündnis
            >  Im Internat in ländlicher Umgebung spielte die Schul-  von SPD und KPD die Nazis aufzuhalten. Käthe Kollwitz,
               gemeinschaft eine herausragende Rolle.         Albert Einstein, Heinrich Mann, Ernst Toller, Arnold Zweig und
            >  Arbeit in Haus und Garten war als Gemeinschaftsarbeit   auch Minna Specht und viele andere unterzeichneten. Es
               organisiert.                                   folgten mehr als siebzig Veranstaltungen in fast allen
            >  Theoretische Arbeit wurde mit praktischer verbunden.   Großstädten Deutschlands.
            >  Angestrebt war - in heutigen Begriffen -„exemplarisches
               Lernen im Projektunterricht".
            >  Bewertung der Schülerleistungen erfolgte nicht über  Nachdem die Macht im Staate im Januar 1933 an Hitler
               Zensuren, sondern anhand von Schülerberichten an   übergeben worden war, zog die Kinderabteilung der
               „Prüfungstagen".                               Walkemühle schon im März nach Dänemark und 1938
            >  Literatur, Musik und Theater bereicherten an „Kapel-  weiter nach England. Dort kam es zur Beschäftigung u.a.
               lenabenden" das bewusst einfach gestaltete Leben.   mit der Pädagogik von Maria Montessori und Alexander
                                                              Neill.

            Doch war das schulische Konzept der Walkemühle
            zugleich bemerkenswert neu und eigenständig:      Zur Nazi-Zeit war die Walkemühle Gauführerschule, zeit-
                                                              weise wurden Menschen dort auch interniert. Nach dem
            >  Die mit der Philosophie von Kant und Fries begründete   Zweiten Weltkrieg für kurze Zeit von den „Falken" genutzt,
               Ethik Leonard Nelsons machte den Hintergrund für die   Kinderheim, einige Jahrzehnte eine Fabrik der Papierver-
               pädagogische Arbeit aus.                       arbeitung, befindet sich zur Zeit eine Einrichtung des Be-
            >  Die „sokratische Methode" im Unterrichtsgespräch, der   rufsfortbildungswerks auf dem Gelände der Walkemühle.
               „Weg des Selbstdenkens",
            >  die „Lebendigkeit, Klarheit und Schönheit der Wech-
               selrede" bildeten wesentliche Schritte auf dem Weg  Minna Specht kehrte 1945 nach Deutschland zurück,  ü-
               zum „Ziel der Erziehung", der „vernünftigen Selbstbe-  bernahm von 1946 bis 1951 die Leitung (und Rettung) der
               stimmung." (Nelson 1922)                       Odenwaldschule. Darüber hinaus arbeitete sie wegwei-
            >  Kostenfreier Schulbesuch wurde jedem geeigneten   send an hessischen Bildungsreformen mit. Sie starb am
               Kind, Jugendlichen und Erwachsenen ermöglicht.   3.2.1961.
            >  Frauen und Männer galten als gleichberechtigt,
            >  Akademiker und Arbeiter ebenfalls.
            >  Eine antimilitaristische Einstellung prägte die Walke-  Rudolf Giesselmann hat wertvolles Material zu jenem
               mühle, Nationalismus war ihr fremd: Im Melderegister  Zeitabschnitt (1921-1933) zusammengefügt, in dem die
               sind Menschen aus zwölf Ländern und drei Kontinenten   Walkemühle ein in Deutschland einzigartiges Landerzie-
               v erzeichnet.                                  hungsheim war. Der Autor lässt in zahlreichen  Interviews
            >  Vegetarismus bestimmte die Ernährung; laut Nelson  vor allem Zeitzeugen ausführlich zu Wort kommen: Lehre-
               sollten Tiere nicht zum Werkzeug menschlicher Lust  rinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, Nachbarn
               gemacht werden.                                und andere Menschen, die mit der Walkemühle zu tun
            >  Engagement in der Politik ( bei Jungsozialisten, SPD und   hatten.
               USPD, bei den Freidenkern und in Gewerkschaften )   Weiterhin hat Giesselmann Dokumente und Akten aus
               und Abstinenz von Alkohol und Nikotin prägten e-  Archiven ausgewertet und vorhandene Literatur einbe-
               benfalls das Leben auf der Walkemühle.         zogen.
                                                              Auszüge aus Stundenplänen der Schule und Pensenbü-
                                                              chern einer Lehrerin, Briefe von Walkemühle-Kindern an ihre
                                                              Eltern sowie zahlreiche Fotos tragen zur gelungenen Illust-
                                                              ration dieser Arbeit über das Landerziehungsheim bei.
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