Page 7 - Rudolf Giesselmann - Landerziehungsheim Walkemühle
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            Wie    man      davon      hört, ..
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            Im Sommer 1975 war ich in Auschwitz und             hatte die Walkemühle bereits zu jener Zeit
            Buchenwald. Dort gibt es Karten, auf denen          gekannt, als dort die sozialistische Schule ge-
            sämtliche Vernichtungslager des Dritten Reichs      gründet worden war. In dieser Schule hatte er
            verzeichnet sind. Auch südlich von Kassel           selbst  am    Anfang   Kurse   besucht   und
            leuchtete ein Lämpchen auf. Melsungen? Mein         manchmal auch als Weißbinder gearbeitet. Er
            Freund kam aus Melsungen.                           schenkte mir dann noch ein Buch über die
                                                                Heimatgeschichte von Adelshausen, in dem
            Er hatte dort in einer Jugendgruppe einmal die      auf einigen Seiten die Geschichte der Walke-
            Geschichte der Stadt Melsungen im Dritten           mühle beschrieben ist, und nannte mir noch
            Reich aufarbeiten wollen und konnte sich an         einige Namen und Adressen von Menschen,
            ein Gespräch erinnern, das jemand aus der           von denen er  wusste, dass  sie mit der Walke-
            Gruppe mit einer Frau im Altersheim über die        mühle auf irgendeine Art in Beziehung ge-
            Walkemühle geführt hatte:     Dies ist eine  e-     standen haben.  Erste Anknüpfungspunkte...
            hemalige Mühle bei Melsungen, da waren
            später eine internationale sozialistische Schule,   Diese Menschen habe ich dann besucht. Oft
            womöglich ein kleines Konzentrationslager der       waren sie an der  Walkemühle sehr interessiert
            Nazis, dann eine SA- bzw. HJ-Schule und nach        und erzählten mir bereitwillig all das, woran sie
            dem Kriege eine Bierdeckelfabrik.                   sich noch erinnern konnten, einige dagegen
                                                                wollten nichts mehr davon wissen. Ich schrieb
            Die Phantasie malte aus, was zwischen diesen        alles auf, konnte langsam auch gezieltere
            kargen Sätzen stehen könnte, wie diese              Fragen stellen und mir so nach und nach ein
            mehrmals gebrochene Geschichte der Wal-             besseres Bild machen.
            kemühle erlebt, aufgenommen, mitgemacht,
            erkämpft, bekämpft worden war. Wir besaßen          Doch schon bald bemerkte ich dann Stellen in
            Bruchstücke von anderen Geschichten aus             diesem Bild, die grau blieben. Nur für die Zeit
            diesen Zeiten, besonders aus Filmen,  fällt mir     der internationalen sozialistischen Schule bis
            ein, die stellten wir probeweise zwischen diese     zum Jahre 1933 fand ich Menschen, die mir ihre
            Angaben.                                            Geschichten davon erzählten, mich auf Bücher
                                                                und Archive hinwiesen.
            Was geschah wirklich?  Wer weiß noch darum?
            Oder gibt es auch da mal wieder nur wenige,         Für die Zeit des Nationalsozialismus konnte ich
            die was wissen, und viele, denen ihr eigenes        jedoch bis auf eine Person niemanden finden,
            Unbeteiligtsein durch die Worte “wechselvolle       der bereit war, etwas zu erzählen. “Was ich
            Geschichte” vollends zur Selbstverständlichkeit     weiß, wird ihnen auch nicht weiterhelfen”,
            gerät?                                              gehörte noch zu den vornehm formulierten
                                                                Reaktionen auf das Erinnertwerden an die
            “Da ist alles drin”, dieses Gefühl löste bei mir    Geschichte der Walkemühle.
            den Wunsch aus, daran zu gehen, in Berührung
            mit dieser Geschichte zu kommen. Eine be-           Viel schriftliches Material, sei es bei der Regie-
            sondere Geschichte, aber wahrscheinlich auch        rung in Kassel oder in der Walkemühle selbst,
            eine typisch deutsche Geschichte.                   hatten die Nazis zu Kriegsende vernichtet.
                                                                Doch das werde ich noch in einem ausführli-
                                                                cheren Kapitel am Schluss der Arbeit darstellen.
            ... mehr darüber erfährt ...                          Über die Bierdeckelfabrik gab es dann auch

                                                                nicht mehr viel zu erkunden. Es war unvor-
            Ganz einfach: Ich bin zu der Walkemühle he-         stellbar für fast alle, die ich daraufhin ange-
            rausgefahren und habe dort mit den Leuten           sprochen habe, dass  es darüber Wichtiges zu
            gesprochen. Der heutige Besitzer konnte mir         erzählen gäbe.
            dann zwar über die Geschichte der Walke-
            mühle noch keine Auskunft geben: “Ich weiß          “Wahrscheinlich ist es ja wirklich nicht so wich-
            überhaupt gar nichts”, nannte mir aber einen        tig.” Diese Nicht-Äußerung über die NS-Zeit und
            älteren Bürgermeister in Adelshausen, dem Dorf,     den fleißigen Wiederaufbau ist Geschichte.
            zu dem die Walkemühle gehört.                       Solch verbreitete Verdrängung lässt es nicht zu,
                                                                in meiner Arbeit verschiedene Zeitabschnitte

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