Page 6 - Rudolf Giesselmann - Landerziehungsheim Walkemühle
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Kant und Fries, mag heute auf den ersten Blick Gerichtsbarkeit eine “Consultative” einzurich-
etwas unverständlich erscheinen. Zu fragen ten, die als beratende Instanz “Effizienz und
bleibt allerdings, welche Bedeutung Ethik in allgemeine Qualität der politischen Entschei-
der heutigen Zeit für Politik und Pädagogik dungen erheblich verbessern” würde. Aus li-
besitzen soll. beral-konservativer Sicht hat im übrigen Kon-
Wer im Fernsehen jene älteren Menschen in rad Adam von der Frankfurter Allgemeinen
Hongkong sieht, die aufgrund ihrer Armut in Zeitung ähnliches geäußert.
Käfigen leben, bekommt einen Eindruck da-
von, was Globalisierung der Marktwirtschaft 8. Vieles ließe sich noch hinzufügen.
heißt, wenn moralische Verantwortung in der Verwiesen seien Interessierte stattdessen vor
Politik verkümmert. allem auf die Arbeiten von Birgit S. Nielsen (Er-
Gleiches gilt gewiss für einen großen Teil unserer ziehung zum Selbstvertrauen. Ein sozialistischer
Politiker, die weniger der einzelnen Partei und Schulversuch im dänischen Exil 1933 - 1938, mit
ihrem Programm sich verpflichtet fühlen denn einem Abschnitt über die Walkemühle) und die
der “erlauchten” Gesellschaft vom “Stamme umfangreiche Specht-Biographie von Inge
Nimm”. Hansen-Schaberg (Minna Specht - Eine Sozia-
Wer Gewalt, Sachbeschädigung und andere listin in der Landerziehungsheimbew egung).
Aggressionen an unseren Schulen erlebt, kann
der Diskussion, wie eine bedeutend stärkere
Verankerung von Werten in der Erziehung er-
reicht werden kann, nicht ernsthaft auswei-
chen.
Bad Homburg, Juli 1997 Ernst Stracke
7. Nelson und der ISK traten für einen führer-
schaftlich organisierten Rechtsstaat - ohne
Parlamentarismus - ein, die Walkemühle sollte
auch und gerade der Erziehung und Bildung
dieser Führer dienen. Die grundlegende Orien-
tierung an Prinzipien von Moral und Ethik, wie
Kant, Fries und Nelson sie begründet hatten,
und die daraus erwachsende konsequente
Betonung der herausragenden Bedeutung des
Rechtsstaates verbietet sicher eine Gleichset-
zung dieser Idee der politischen Führung mit
dem nationalsozialistischen Führerprinzip.
Doch die irrsinnige Gewalt- und Willkürherr-
schaft des Nationalsozialismus diskreditierte
letztlich jeglichen politischen Ansatz, der auch
nur einen Hauch von “Führerschaft” beinhal-
tete, ohne schlüssig demokratisch kontrollie-
rende Gegengewichte nachzuweisen. Es ist
daher verständlich, dass diese politische
Grundlinie der führerschaftlichen Organisation
nach 1945 keine nennenswerte Rolle mehr
spielte.
Allerdings erübrigt die Hinwendung zur bun-
desrepublikanischen Demokratie keinesfalls
weitergehende Überlegungen etwa zur Be-
deutung von Eliten für eine Demokratie. “Es
liegt in der egalitären Tendenz der Demokra-
tie” so schreibt Otto Schily unter Bezug auf
Toqueville am 24. 2. 1996 in der Frankfurter
Rundschau, “dass in Parlament und Regierung
das Mittelmaß die Regel ist.” Und er plädiert
wie Dieter Schmid dafür, die Mitwirkung von
Eliten aus Kultur und Wirtschaft zu
institutionalisieren, neben Regierung,
Parlamenten und Gerichtsbarkeit eine
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