Page 9 - Rudolf Giesselmann - Landerziehungsheim Walkemühle
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Geschichten, die man von anderen gehört hat,
            die man gelesen hat, sind eingeflossen. Und         Meinem Einwand, so hätte das der ISK ja viel-
            dann doch wieder Stimmengewirr: Das eigene          leicht gemacht, wird erwidert: “Aber wir ha-
            Erlebnis bricht sich Bahn, und keine Zwischen-      ben das ja auch offen vertreten, das konnte
            frage oder Bemerkung von mir könnte die             jeder hören.” (Emmi Gleinig )
            Beschreibung der vor ihren Augen vorüber-
            ziehenden Bilder aufhalten.  Hier ist es ganz       Oder man sagt: “Das Wort ,Sozialismus’, das ist
            direkt, es wird nacherlebt, Gesichter, Hände        ja dermaßen diskreditiert und wird ja in ein
            sprechen mit.                                       Fahrwasser gezogen, in dem es gar nicht ge-
                                                                wesen ist. Das Ziel war, den Rechtsstaat her-
            Ich montiere nun diese Geschichten, stelle sie      zustellen, mit dem sogenannten objektiven
            gegenüber  -  und unverbunden verbinden sie         Recht.” ( Willi Schaper )
            sich zu einer neuen Qualität:    erzählter Ge-
            schichte.                                           Diese Geschichten, wie sie mir erzählt wurden,
                                                                in einer Collage konfrontiert mit den Sonder-
            Dies ist nicht Geschichte, wie sie heute noch       akten der Schulbehörde über die Walkemühle,
            immer    üblicherweise    geschrieben    wird,      mit Theoriefragmenten Nelsons, mit Zeitungs-
            hauptsächlich aus schriftlichem Material zu-        artikeln und Fotos, ergeben ein Geflecht und
            sammengestellt.                                     lassen Lücken entstehen, und vielleicht ent-
                                                                faltet sich gerade in diesen Lücken die Phan-
            Geschrieben haben doch meist nur Behörden           tasietätigkeit des Lesers, seine Interessen.
            oder auch anderen herrschende Instanzen,
            meist getrieben vom Strom des “Zeitgeistes”.

            Aber warum eigentlich sollen die Protokolle
            eines Landschulrats objektiver sein als die Er-
            innerungen eines Schülers ?   Wer hat dabei
            welche Interessen ?   Was hat denn die Wirk-
            lichkeit der Menschen auf der Walkemühle
            mehr bestimmt: die Theorie Nelsons (neun
            Bände oder viertausend Seiten) oder das, was
            Menschen davon im Kopf hatten?

            Die Historie, die man im Kopf hat, ist mögli-
            cherweise das, was man sich merken kann,
            und das, was dazu taugt, sich im weiteren
            Leben zu orientieren, oder zumindest taugt,
            noch einmal erzählt zu werden.

            Wünsche und Hoffnungen werden an diese
            Geschichten    geknüpft,  Rechtfertigung  ge-
            genüber erlebter Kritik wird vorsorglich mit
            eingebaut. Die Walkemühle ist das, was von
            der Walkemühle erzählt wird, die Interessen der
            Erzählenden und Zuhörenden sind in ihr ent-
            halten. Denn warum redet man überhaupt
            darüber, warum hört man zu?

            Einigen wenigen ist  es heute peinlich gewor-
            den, sich an die Radikalität ihrer Jugendzeit zu
            erinnern; fast alle haben ja öffentliche Ämter
            innegehabt. Manche grenzen sich ab gegen
            heutige linke Gruppen, mit denen man ver-
            glichen werden könnte: “Gruppen, die immer
            nach mehr Demokratie rufen, aber wenn sie
            die Macht haben, die Demokratie sofort be-
            seitigen würden.”

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