Page 10 - Rudolf Giesselmann - Landerziehungsheim Walkemühle
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Der Anfang erste Wirtschaft gegangen ist, war es in der
zweiten schon nichts mehr wert. Der Wunder
1921 kaufte der Oberlehrer Ludwig Wunder die hat Dollars aus Amerika gehabt, hieß es. Aber
Walkemühle bei Melsungen, um dort ein keiner wusste zuerst, was das werden sollte.
Landerziehungsheim zu errichten. In den Jah- Und dann wussten wir gar nicht, was uns ge-
ren davor hatte die Mühle mehrmals den Be- schah, dass der sich mit uns unterhalten hat. Als
sitzer gewechselt. Ein Tuchfabrikant hatte 1899 ein Raum in seinem Neubau fertig war, hat er
die Mühle, in der eine kleine Woll- und Tuch- schon mit der ganzen Jugend Kurse gemacht.
spinnerei war, wegen der dort vorhandenen
Heeresaufträge gekauft. Diese Aufträge sowie Wir sind jede Woche für einige Abende da
sämtliche Maschinen übernahm er in seinen runter gegangen. Wir waren alle sehr interes-
Betrieb in Fulda und legte die Walkemühle siert, und für uns war das ein Glück, weil wir
selbst still. Dreißig Menschen verloren dadurch wegen dem Krieg so wenig Schule gehabt
ihren Arbeitsplatz. hatten, und auch nach dem Krieg fehlten noch
die Lehrer. Unterricht hatten wir nur zwei Tage
Aus der Zeit der Tuchfabrik gibt es Erinnerungen in der Woche, und selbst da mussten wir noch
eines Lehrlings, die er 1958, inzwischen 83jährig, mehr Brennnesseln und Laubholz sammeln als
erzählt hat. Er schildert den Produktionsprozess sonst was. Alles fürs Militär. Aus Brennnesseln
einer Walkemühle: “Von den Webstühlen wurden Stoffe hergestellt, und Laubholz be-
kamen die Stoffe in die Walke. Hier wurden sie kamen deren Pferde.
mit Seifen- und Sodawasser geknetet und Die Walkemühle war ja gegen den Militaris-
durchgearbeitet, wodurch eine Verdichtung mus.
oder Verfilzung des Tuches erreicht wurde.
Dann wurden die Stücke auf feste Rahmen Wir haben uns noch viel angeeignet da unten.
zum Trocknen gespannt.” (2) Auch die Älteren sind abends mit in die Schule
gegangen. Was die uns da gezeigt haben, das
Die folgenden Besitzer benutzen die Mühle konnten wir in der Volksschule gar nicht sehen.
jeweils nur für einige Jahre als Sägewerk mit Im Unterricht wurde alles besprochen, beim
Stellmacherei oder als Betrieb zur Fertigung von einfachen Rechnen angefangen. Der Wunder
Handwagen. hat uns immer schön unterrichtet, dass wir
manchmal gedacht haben: ,Ist der noch
Am 15. Mai 1921 zog dann Ludwig Wunder als dümmer als wir?’ Und wenn wir dann heim-
neuer Besitzer in die Walkemühle ein. gegangen sind, haben wir gemerkt, dass wir
doch was gelernt hatten.” (Johann Eckhardt
Der Komplex der Mühle umfasste etwa 25.000 und Justus Eckhardt)
Quadratmeter Land, durch das ein größerer
Bach fließt, die Pfiffe, deren Wasser die Mühl- Und eine Helferin erinnert sich noch, dass
räder antrieb. Ebenfalls mitten durch das Wunder - er war Physiker und hatte unter dem
Grundstück führte die Straße von Melsungen in Namen “Herr Wunderlich” schon in Zeitschrif-
das nahe an der Mühle gelegene Dorf Adels- ten veröffentlicht (3) - in dem Physikzimmer,
hausen. Es gab mehrere Gebäude beiderseits wenn die Jungsozialisten aus Melsungen oder
der Straße, meist alte Fachwerkhäuser, deren Jugendliche aus Adelshausen kamen, Experi-
eines Wunder gleich nach dem Kauf abreißen mente gemacht hat: "Und plötzlich macht es
und an der gleichen Stelle einen Neubau er- pfffft, und dann kam irgendwo eine Flamme
richten ließ. heraus." (Hedwig Urbann)
Im Dorf Adelshausen wurde die Veränderung
auf der Walkemühle mit Interesse verfolgt: Was Wunder in der Walkemühle anfing, stand
“Zuerst hat man sich gar nichts dabei gedacht. im Zusammenhang mit der Landschulheim-
Da kam einer hier an, der trug kurze Hosen - bewegung in Deutschland, hauptsächlich ins
das war doch damals gar keine Mode. Der hat Leben gerufen von Hermann Lietz, der selbst
die Walkemühle dann gekauft, obwohl das 1894 vier Heime gegründet hatte. Politisch
eine Ruine war. Dann hat sich alles gewundert, konservativ und dem damaligen deutschen
dass dort gebaut wurde. In der Inflation, da Reich gegenüber wohlwollend eingestellt,
hatte doch gar keiner Geld! Wenn man als wollte er in seinen Heimen freie und starke
Lehrjunge damals mit seinem Geld nicht in die Menschen erziehen; wahrscheinlich waren sie
für eben dieses deutsche Reich als Gestalter
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