Page 11 - Rudolf Giesselmann - Landerziehungsheim Walkemühle
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und Führer gedacht.(4) Insgesamt sind seine Philosophie, dem Philosophen Nelson
Erziehungsziele jedoch nicht nur dieser Absicht untergeordnet.” (8)
zuzuordnen: “Nicht Kenntnisse, Wissen, Ge-
lehrsamkeit, sondern Charakterbildung; nicht Nelson verfolgte die Entwicklung der Lander-
alleinige Ausbildung des Verstandes und Ge- ziehungsheime mit Interesse. Er hatte Lietz
dächtnisses, sondern Entwicklung aller Seiten, bereits 1907 in Bieberstein in der Rhön kennen
aller Kräfte, Sinne, Organe, Glieder und guten gelernt und war begeistert: “Es ist wundervoll
Triebe der kindlichen Natur zu einer möglichst hier, und ich bedaure, nicht noch mal in die
harmonischen Persönlichkeit; nicht Lesen, Schule gehen zu können. Ich habe verschie-
Schreiben, Griechisch, sondern Leben lehren." denem Unterricht beigewohnt, auch dem Re-
(5) Auch waren die Schüler den Lehrern nicht ligionsunterricht von Lietz, der ganz famos ist.
mehr untergeordnet, sondern sollten mit ihnen Die Jungen sind alle so groß und gesund und
auf gleicher Stufe stehen. Es wurde von der lustig und tätig, dass es eine Freude ist, die
Autonomie der Persönlichkeit des Kindes aus- Gesichter und Körper zu beobachten. Alle
gegangen: “Wenn es auf seiner Ebene das ist, gehen mit nackten Beinen und leben ganz in
was es sein kann, dann muss man ihm die der Natur. Lehrer und Schüler sind ganz
gleichen Rechte einräumen, die man für sich gleichartig. Es ist alles buchstäblich so in Wirk-
selbst in Anspruch nimmt.” (6) lichkeit, wie ich es mir geträumt habe.” (9)
Ludwig Wunder hatte selbst seit 1908 in Bie- Landerziehungsheime entstanden in der Epo-
berstein eines der Landerziehungsheime ge- che der streng autoritären, wilhelminischen
leitet. Als Lietz 1919 an den Folgen einer Ver- Erziehung. In Deutschland betrachtete man
letzung starb, die er sich als Kriegsfreiwilliger die Kadettenanstalten als Vorbild für die
zugezogen hatte, übernahm Wunder dessen männliche Erziehung (von der ,weiblichen' Er-
Leitung im Landerziehungsheim in Haubinda, ziehung zu reden, hielt man damals noch nicht
obwohl er sich schon früher mit Lietz verkracht für nötig), dabei wurde die unbedingte Über-
hatte. Wunders Vorstellungen “über Selbstre- legenheit des Lehrers und sein Abstand zu den
gierung und Freiheit der Jugend”(7) waren Lietz Schülern als unverzichtbar angesehen. Nelson
zu weit gegangen. verwarf dieses Erziehungssystem der “Methode
der äußeren Disziplin” radikal, da, “je mäch-
In Haubinda hörte Wunder jedoch nach kurzer tiger der Staat wird und je tiefer er durch seine
Zeit wieder auf und begann im Mai 1921, mit Massenorganisationen in das Leben der ein-
der Walkemühle sein eigenes Landerzie- zelnen eingreift, wir desto dringender solcher
hungsheim aufzubauen. Bereits im Oktober Einrichtungen bedürfen, die die ohnehin
wohnten zehn Schüler in diesem Heim, mit schwachen und furchtsamen Menschenherzen
denen er den Unterricht begann. stärken und stählen, damit sie nicht zu elenden
Werkzeugen im Dienst einer seelenlosen
Wunder lernte den Göttinger Philoso- Staatsmaschine werden.” (10)
phie-Professor Leonard Nelson kennen; schon
in Haubinda hatte ihn die dortige Mathema- In einem Aufsatz schlug er dementsprechend
tiklehrerin Minna Specht auf Nelson aufmerk- folgendes vor: “Als mich kurz nach der Revo-
sam gemacht. In seinem Lebenslauf, den lution der damalige preußische Kultusminister
Wunder später beim Regierungspräsidenten in Haenisch um Rat fragte, was er angesichts der
Kassel einreichte, als es um die Anerkennung trostlosen Finanzlage tun könne, um die not-
als Versuchsschule geht, schreibt er selbst: wendigen Reformen des Bildungswesens
“1922 und 1923 besuchte ich die Vorlesungen durchzuführen, schlug ich ihm vor, sämtliche
des Philosophen der Universität Göttingen, Prof. Schulen im Lande ( von der Volksschule bis
Nelson, über die Kant'sche und Fries'sche Phi- zur Universität ) zu schließen. Durch diese
losophie. Ich erkannte in den Lehren dieser einfache Maßnahme würde er, statt die
Philosophen, namentlich im transzendentalen Staatskasse mit neuen Aufwendungen zu be-
Idealismus Kants, diejenige Weltanschauung, lasten, im Gegenteil enorme Geldmittel für sie
welcher ich von nun an mit allen Kräften die- freimachen und zugleich einen Aufschwung
nen will, um den überall in der Welt herr- des Geisteslebens herbeiführen, der seinem
schenden Fatalismus, Materialismus und Na- Namen in der Geschichte Unsterblichkeit si-
turalismus zu bekämpfen. Ich habe daher mich chern würde.” (11)
und meine Arbeit dem Wiedererwecker dieser
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